Freitag, 12. Juli 2013

"Ein verhängnisvoller Winter" und "Ein schicksalhafter Sommer" für den kindle zum Sonderpreis von 0,99 € statt 2,99€. Nur für kurze Zeit auf Amazon.de

Mittwoch, 3. Juli 2013

"Ein verhängnisvoller Winter" erscheint in Kürze. Zuvor noch eine weitere Leseprobe

Kapitel 1
 

Niederrhein

 

Josefine setzte ihren Koffer ab und ließ die Schultern hängen. Alles sah genauso aus, wie sie es erwartet hatte. Es roch sogar genauso, wie sie es in Erinnerung hatte, obwohl es schon lange Jahre her war, dass sie zuletzt in einem Stall gearbeitet hatte.  Sie ließ den Blick über die Landschaft schweifen. Sie stand hier inmitten einer kleinen Ansammlung von Gehöften. Josefine starrte auf ein kleines Haus mit Scheune, was man kaum einen Hof nennen konnte. Ein paar Meter weiter begann schon der nächste Hof, dieser war etwas größer. Diese beiden Gebäude trennte eine lange Einfahrt von der Straße. Der nächste Nachbar befand sich in ungefähr 200 Metern Entfernung auf der gegenüberliegenden Seite der Schotterstraße. In alle Richtungen verstreut lagen, jeweils mit mehreren hundert Metern Abstand, noch ein paar weitere Bauernhöfe. Es regnete, es war windig, die Bäume wurden langsam kahl und außer ein paar Kühen sah sie keine Seele. Josefine ließ die Schultern noch etwas tiefer hängen. Ja, genauso hatte sie es sich vorgestellt.

„Josefine!“ Der freudige Ausruf ließ sie zusammenfahren. Dann zwang sie sich zu einem Lächeln und sah auf. „Margot.“ Als ihre Cousine so freudig aus dem kleinen Haus heraus auf sie zugelaufen kam, überkam Josefine das schlechte Gewissen. Es würde schon alles nicht so schlimm werden. Mit Margot hatte sie sich immer gut verstanden und gemeinsam würden sie schon alles meistern.

„Ich bin so froh, dass du gekommen bist“, rief Margot aus, während sie Josefine mit ihrem dicken Bauch umständlich in ihre Arme schloss.

„Ich freu mich auch“, erwiderte Josefine und während sie ihre Cousine vorsichtig an sich drückte, meinte sie es auch so.

 

„Also, Josi, das hier ist dein Schlafzimmer. Meins liegt direkt gegenüber. Du kannst den Koffer abstellen und dir was Trockenes anziehen, dann mach ich dir erst mal was zu essen“, flüsterte Margot wenig später aufgeregt, während sie ihrer Cousine das Haus zeigte.

„Du brauchst mich nicht bewirten, Margot. Ich bin hier um dich zu unterstützen, nicht, um dir noch mehr Arbeit zu machen. Und warum flüsterst du?“

„Psst, nicht so laut. Der Josef hält gerade seinen Mittagschlaf.  Wenn er seinen Schlaf nicht aus hat, ist er noch unerträglicher als sonst“, flüsterte Margot zurück.

„Damit meinst du deinen Schwiegervater?“

„Ja, sein Zimmer ist gleich nebenan. Und durch die vierte Tür hier oben gelangst du direkt auf den Dachboden der nebenanliegenden Scheune. Unten sind nur die Küche, ein kleines Wohnzimmer und die Waschküche. Ein Badezimmer haben wir hier nicht, wir waschen und am Spülstein in der Waschküche. Das Klo ist im Garten. Aber dadurch, dass es so klein ist, hab ich auch weniger zu putzen.“

Josefine nickte resigniert und begann, sich umzuziehen. Dann machte sie sich auf den Weg in die Küche. Verlaufen konnte man sich hier nicht.

„Hier, ich hab dir schon mal was Suppe heiß gemacht.“ Margot stellte den Teller auf den Tisch, warf einen prüfenden Blick zur Treppe und setzte sich. „Isst du nichts?“, fragte Josi, während sie sich setzte.

„Nein, nein, ich hab vorhin schon gegessen.“ Wieder warf sie einen Blick zur Tür.

„Erwartest du jemanden?“ Josefine pustete auf ihren Löffel, ehe sie die wohlriechende Suppe kostete.

„Nein, wieso?“  

Verwundert zuckte Josefine die Achseln, während sie weiter aß. „Du hättest wirklich nicht die Suppe für mich erhitzen müssen, wo du schon gegessen hast. Ist ja nicht so, als hätte ich eine Tagesreise hinter mir. Es sind noch keine 50 Kilometer, die ich heute mit dem Zug zurückgelegt habe.“

„Es ist aber schon Mittag und seit dem Frühstück hast du doch nichts mehr gegessen“, sagte Margot bestimmt.

„Möchtest du noch etwas?“, fragte sie schließlich, als Josefine aufgegessen hatte.

„Nein, danke, aber es war sehr lecker.“

Nach einem weiteren Blick zur Tür begann Margot mit einem erleichterten Seufzen, den Teller abzuräumen.

„Also, was guckst du denn die ganze Zeit zur Türe, Margot?“ fragte Josefine schließlich, nachdem ihre Cousine sich beeilt hatte, alles wieder wegzuräumen.

„Ach, der Josef mag es nicht, wenn man zwischen den Mahlzeiten etwas isst. Und dann auch noch den Herd wieder anschmeißen und so weiter, verstehst du?“

„Ich glaube schon“, erwiderte Josefine langsam. „Wie verstehst du dich denn mit deinem Schwiegervater?“

„Na ja, er ist ein alter Mann.“

„Und was heißt das?“

„Du weißt doch. Alte Leute können ja schon mal schwierig sein.“

„Was hast du gesagt, ich verstehe dich nicht, wenn du drüben am Herd stehst und flüsterst.“

Margot setzte sich wieder an den Tisch. „Ich hab gesagt, er ist schwierig, aber der Mann ist auch schon neunzig.“

„Neunzig! Wie alt war denn dein Mann? So alt ist er mir nie vorgekommen!“

Margot schluckte. „Theo war noch keine fünfunddreißig. Er stammte aus der zweiten Ehe. Der alte Josef wollte unbedingt einen Erben und hat mit fünfzig noch einmal eine viel jüngere Frau geheiratet. Aber Theos Mutter ist im Kindbett gestorben.“ Margot wurde blass und schluckte wieder.

„Margot, entschuldige.“ Josefine ergriff besorgt die Hand ihrer Cousine. „Ich wollt dich mit meinen dummen Fragen nicht traurig machen.“

„Nein, nein, es ist schon gut. Theo ist tot. So ist es nun mal.“ Sie holte zitternd Luft. „Es ist noch etwas anderes.“ Margot entzog Josefine ihre Hand und rieb nervös die Handflächen gegeneinander. „Der Doktor hat gesagt, das Kind wäre viel zu groß für mich, wo ich so klein bin und so schmal gebaut.  Und gedreht hat es sich auch noch nicht.“ Hilflos sah sie Josefine an. „Er sagt, dass Kind muss mit Kaiserschnitt geholt werden.“

„Oh, Margot.“ Josefine wusste nicht, was sie Tröstendes sagen sollte. An Margots Stelle hätte sie auch Angst. Allein der Gedanke, den ganzen Bauch von oben bis unten aufgeschnitten zu bekommen! Die Ärmste.

„Nun ja“, stieß Margot schließlich tapfer aus, „es wird schon gut gehen.“

„Aber natürlich!“, versicherte ihre Cousine schnell. „Du darfst dich nur nicht mehr so anstrengen, Margot. Schluss mit kochen und den alten Mann versorgen, das mach ich jetzt.“

„Da hat der Josef auch noch ein Wörtchen mitzureden, glaub mir.“

„Du lässt dir von einem Greis, der dich laut Mama und Tante Uschi dauernd triezt, vorschreiben, was du zu tun und zu lassen hast!  Ich versteh nicht, warum du so auf der Hut vor ihm zu sein scheinst. Der kann doch wohl nicht mehr viel ausrichten.“

„Hast du eine Ahnung! Der ist unverwüstlich. Bis vor zwei Monaten ist der noch jede Woche die acht Kilometer nach Fischeln gelaufen, seinen Bruder besuchen. Ob du es glaubst oder nicht.“

„Und was hat er jetzt?“

„Er hat sich eine Erkältung geholt und die hat ihn ganz schön niedergestreckt. Hat wochenlang im Bett gelegen und konnte nicht mal aufs Klo gehen. Aber seit ein paar Tagen ist er wieder auf den Beinen. Der Mann überlebt uns alle.“

„Auf jeden Fall wirst du dich jetzt erst mal ausruhen und dich schonen. Ich werd schon alles hinbekommen, deshalb bin ich ja schließlich hier.“

Margot wollte gerade etwas erwidern, doch Geräusche auf der Treppe ließen sie vergessen, was sie sagen wollte. „Da kommt er“, seufzte sie stattdessen.

Josefine drehte sich um und stand auf, als sie die dünne, gebeugte Gestalt auf sich zukommen sah, die sich schwer auf einen Stock stützte.

„Vater, du bist schon wach?“ Margot trat auf ihren Schwiegervater zu. „Sieh mal! Wir haben Besuch. Meine Cousine Josefine ist gekommen, um zu helfen.“

Josef winkte seine Schwiegertochter mit der Hand beiseite, als diese ihn stützen wollte. „Ich bin sehr wohl in der Lage, alleine zu stehen“, krächzte er und sah die andere Frau in seiner Küche an. „So, eine Cousine. Und was will die hier?“

Josefine trat auf  den alten Mann zu und streckte ihm die Hand entgegen. „Guten Tag, Herr Fagel. Ich bin Josefine Ingermann.“

„Sie wird eine Weile bei uns bleiben, Vater, um mich zu unterstützen. Hast du nicht zugehört?“, warf Margot nervös ein. „ Sie ist hier, um zu helfen“, betonte sie noch einmal, als Josef  die ausgestreckte Hand ignorierte. „Ist das nicht nett?“

„Nett? Das könnte dir so passen, dass du jetzt schon deine Sippschaft hierher holst. Noch ist das hier mein Hof. Hast wohl gedacht, mit dem Alten geht’s zu Ende und hast schon mal alle eingeladen, was? Wann kommt denn der Rest deiner Verwandtschaft?“

„Aber was redest du denn da? Die Josefine kommt, weil ich die ganze Arbeit nicht mehr alleine schaffe.“

„Die ist gekommen, weil die im Kohlenpott nicht genug zu fressen haben. Aber eins sag ich dir“, wandte er sich schließlich an Josefine, während er ihre magere Gestalt von oben bis unten musterte, „glaub ja nicht, dass du dich hier durchfuttern kannst! Hier gibt es nichts im Überfluss und fürs Nichtstun schon mal gar nicht.“  Er drehte sich langsam wieder um und schlurfte zur Tür. Dann sah er noch einmal zurück und richtete das Wort an seine Schwiegertochter. „Sieh zu, dass du nicht noch länger hier gemütlich in der Küche rumschwatzt. Nicht genug, dass du zu faul bist, deine Arbeit zu machen, jetzt hast du dir zum Rumgammeln auch noch Gesellschaft geholt. Wehe, ich seh euch nicht vernünftig arbeiten, dann ist die schneller wieder hier verschwunden, als du gucken kannst.“ Damit schlurfte er endgültig aus der Küche.

Mit hochrotem Gesicht sah Josefine ihre Cousine an. „Von allen…, so ein…“ Sie öffnete wieder den Mund, doch schloss ihn direkt wieder. Dies gehörte zu den wenigen Momenten, wo es ihr die Sprache verschlagen hatte.

 

„Möchtest du meinem Bruder keine Tasse Kaffee anbieten, oder was?“

Herausfordernd sah Anton seine unscheinbare Frau an.

„Lass gut sein, Toni“, murmelte Richard. „Sie ist doch grade mit dem Kind beschäftigt.“

„Beschäftigt, dass ich nicht lache. Sieh dich doch mal um. Hier sieht es schon wieder aus wie bei Hempels. Ich frag mich, was die den ganzen Tag macht, wenn ich arbeiten bin. Außerdem hat sie auch noch ihre Mutter hier, die ihr helfen kann.“

„Ich denk, die Anneliese kann nicht richtig helfen, wegen ihrem kranken Bein?“

„Die ist nicht krank, die humpelt ein bisschen. Die zieht sich nur an dieser Lappalie hoch, damit sie nicht so viel arbeiten muss. Genauso faul wie die Tochter.“

„Lass die Mama in Ruhe.“ Lisbeth sah wütend ihren Mann an. „Sie hat sich gestern überanstrengt und hat jetzt Schmerzen mit jedem Schritt, den sie tut. Und sie arbeitet mehr als du!“

Toni umfasste vor Wut seine leere Kaffeetasse fester und schickte sich an, sich zu erheben, schien dann aber zu dem Schluss zu kommen, dass es diese Anstrengung nicht wert war. Er lehnte sich wieder auf seinem Stuhl zurück und sah seine Frau an. „Aber mit auf die Blagen aufpassen, das kann sie ja wohl, wenn schon sonst nichts anderes. Dann kommst du vielleicht auch mal dazu, hier zu putzen. Mein Bruder muss ja denken, ich hätte eine Schlampe geheiratet.“

Mit zusammengekniffenen Lippen sah Lisbeth ihren Schwager an. „Tut mir leid, Richard, dass es heute hier so aussieht. Die Zwillinge hatten beide die letzten Tage Fieber und der Heinz kriegt bestimmt Zähne. Ich-.“

„Ist doch schon gut, Lisbeth“, beeilte Richard sich zu versichern. „Mich stört es nicht, wie es hier aussieht. Wie geht es den Kindern denn?“

„Seit gestern geht es besser. Das Fieber ist weg. Gott sei Dank.“ Lisbeth setzte den sieben Monate alten Heinz auf den Küchenboden und goss ihrem Schwager eine Tasse Kaffee ein. Wortlos stellte sie diese auf den Tisch und füllte auch die Tasse ihres Mannes wieder auf. Dann nahm sie Heinz wieder auf den Arm und verschwand aus der Küche.

„Hat sie das blaue Auge von dir?“, fragte Richard, nachdem er vorsichtig einen Schluck getrunken hatte.

„Von wem denn sonst?“

„Ich kann mich erinnern, dass es eine Zeit gab, da hast du es gar nicht gut gefunden, wenn eine Frau geschlagen wurde.“

„Ja, da war ich auch noch klein und wusste nicht, dass manche Frauen es verdient haben, ab und zu eine Tracht Prügel zu kassieren.“

Als sein Bruder nur die Augenbrauen hochzog, wurde Toni wirklich wütend. „Was hätte Papa denn tun sollen? Einfach ignorieren, dass unsere Mutter ihm bei jeder Gelegenheit Hörner aufgesetzt hat? Die Schlampe!“

„Willst du damit sagen, dass die Elisabeth sich mit anderen Kerlen einlässt?“, fragte Richard ungläubig.

„Was? Bist du verrückt? Meinst du, dann wäre sie noch dazu in der Lage gewesen, uns Kaffee zu kochen?“ Als sein Bruder ihn nur weiterhin schweigend ansah, fuhr er seufzend fort. „Ach, ich weiß auch nicht. Ich hatte gestern sowieso schlechte Laune, als ich aus der Kneipe kam, da hab ich es nicht nötig, mir auch noch das Gezeter und Gejammer meiner Alten anhören zu müssen, wenn ich nach Hause komm. Noch kann ich nach einem Tag harter Arbeit so viel und so lange feiern, wie ich Lust dazu habe.“

„Na ja, ist ja nicht das erste Mal, dass sie sich von dir eine einfängt. Meinst du nicht-.“

„Das dich das einen Dreck angeht? Doch, das mein ich. Besorg dir gefälligst selber eine Frau und hör auf, dir um meine Gedanken zu machen. Ich frag mich sowieso, warum du hier noch rumlungerst und nicht schon nach nebenan gerannt bist. Oder meinst du, ich weiß nicht, warum du hier bist?“ Verschlagen sah Toni seinen Bruder an.

„Ich weiß nicht, wovon du redest. Ich bin hier, um dich zu besuchen. Bist du wiedermal besoffen?“

„Komm, ich weiß doch, dass du scharf auf die Margot bist.“

Richard verschluckte sich an seinem Kaffee. „Bist du verrückt?“ Ungläubig starrte er seinen Bruder an. Eigentlich war er öfters hier, weil sein Bruder vernünftigen Kaffee hatte und es hier immer was Gescheites zu essen gab. Und weil dies hier, abgesehen von seinem Vater, seine einzige Familie war.

„Wer spaziert denn jedes Mal, sobald er hier ist, nach nebenan und stattet dem Fagelhof einen Besuch ab?“

„Das hab ich immer schon getan. Du weißt doch, dass der Theo mein bester Freund war.“

„Der liegt jetzt aber schon monatelang unter der Erde.“

„Ich konnte die Margot immer schon gut leiden und sie tut mir eben leid.

Ich geh einfach nur hin und frag, ob ich irgendwas tun kann, um zu helfen. Sie hat es ja schließlich nicht leicht bei dem alten Tyrannen da.“

„Ha, ha, ich lach mich tot. Richard, der barmherzige Samariter. Wann hast du je etwas aus Nächstenliebe getan?“

„Ich geh einfach nur für ein paar Minuten rüber und seh nach, ob sie irgendetwas brauchen. Das bin ich meinem Freund schuldig, dass ich ein bisschen auf seine Frau achte.“

Mit einem dreckigen Lachen klopfte Toni seinem Bruder auf den Rücken. „Das hast du jetzt aber schön gesagt. Ja, dann will ich dich jetzt nicht weiter aufhalten, geh du nur rüber und geb ein bisschen acht auf die Margot. Wenn die nicht einen Braten in der Röhre hätt und kurz vorm Werfen stünde, würd ich selber mal sehen, ob ich der nicht zur Hand gehen kann. “

Richard ließ seinen Bruder lachen und trank kopfschüttelnd seinen Kaffee aus.