Sonntag, 15. September 2013

Eine erste Leseprobe zu "Ein mörderischer Schatten"


Kapitel 1

 

Antonia tastete blind nach dem Radiowecker auf ihrem Nachttischchen und schlug wild auf die Tasten. Die plötzliche Stille quittierte sie mit einem erleichterten Seufzen. Müde schlug sie die Augen auf. „Was?“ Entsetzt richtete sie sich im Bett auf und ungläubig blinzelte sie, ehe sie noch einmal auf die rot leuchtenden Zahlen auf ihrem Radiowecker starrte. „Oh, nein!“ Hektisch schlug Antonia die Bettdecke zur Seite und hastete aus dem Bett. Auf dem Weg ins Bad hielt sie kurz vor den beiden Zimmern ihrer Kinder inne und riss die Türen auf. „Thea! Simon! Aufstehen, schnell! Ich hab verschlafen.“ Damit hastete sie weiter, die steile, alte Treppe hinunter ins Erdgeschoss. Am Treppenabsatz stolperte sie und fing sie sich gerade noch, ehe sie der Länge nach auf den Fliesen der geräumigen Diele gelandet wäre. Fluchend tapste sie barfuß ins Badezimmer und wollte sich auf dem Klo niederlassen, als sie gerade noch rechtzeitig das Monster sah. „Ihhhh!“, kreischte Toni angeekelt und flüchtete zurück in die Diele. „Oh Gott!“, stieß sie aus und schüttelte sich vor Ekel. Langsam drehte sie sich wieder um und warf einen vorsichtigen Blick ins Badezimmer. Ihr Blick wanderte zögernd über den weißen Kachelboden, ehe er an der handtellergroßen, schwarzen Kellerspinne hängen blieb. Wieder schüttelte Toni sich angewidert. „Was mach ich denn jetzt?“, murmelte sie vor sich hin. Dies hier war einer der wenigen, äußerst seltenen Augenblicke, in denen sie ihren Ex-Mann vermisste. Der Spinne den Garaus zu machen wäre eine Aufgabe gewesen, die er bestimmt gerade noch hätte bewältigen können, vorausgesetzt, er wäre überhaupt zu Hause gewesen. „Verdammt.“ Antonia fixierte weiterhin wie gebannt das widerliche Geschöpf auf ihrem Fußboden. Sie war kurz davor, den fünfjährigen Simon zu rufen, er solle die Spinne vernichten. Aber der würde sie sicher retten wollen und dann würde die Spinne entwischen und sich in die nächste Ecke verkriechen, um dann irgendwann, wenn Toni nichts Böses ahnte, plötzlich über ihre Beine zu krabbeln oder so etwas. Nein, das kam gar nicht in Frage. Lebewesen hin oder her, es half alles nichts, sie musste das Ding wohl oder übel selbst erledigen. Schnell suchte sie einen dicken Stiefel aus dem Schuhschrank. Eine Sandale war zu unsicher. Würde sie daneben hauen, würde ihr die Mutantenspinne noch über die Hand laufen. Ein schlimmeres Schicksal konnte Toni sich gar nicht vorstellen. Sie holte tief Luft und näherte sich zögernd der Spinne. Im Hinterkopf sah sie den Minutenzeiger ihrer Uhr unaufhörlich voranschreiten, doch auf die Verspätung konnte sie jetzt keine Rücksicht nehmen. Sollte der achtbeinige Kamerad jetzt verschwinden, hätte sie hier im Haus keine ruhige Minute mehr. Noch einmal holte sie tief Luft, nahm all ihren Mut zusammen, schritt noch näher auf die Spinne zu und konzentrierte sich. Der erste Schlag musste sitzen. Toni holte aus und schlug zu. Angewidert verzog sie das Gesicht. Hatte das Ding geknackt? Zur Sicherheit schlug sie noch ein paar Mal zu, bis sie sich wie eine Psychopatin vorkam und trat dann zurück, um sich ihr Werk anzusehen. Langsam atmete sie aus. Wie sie Spinnen hasste! Mit vier Küchentüchern übereinander entfernte sie die Überreste ihres Opfers, ehe sie sich endlich erschöpft ihrem Geschäft widmen konnte. Duschen saß zeitlich nicht drin, Waschen musste genügen.

„Thea! Simon!“, schrie sie anschließend auf dem Weg vom Badezimmer in die Küche. Als sie keine Antwort bekam, änderte sie den Kurs und rannte wieder die Treppe hoch. „Kinder, aufstehen! Kindergarten, Schule!“ rief sie, während sie dem noch halb schlafenden Simon die Bettdecke wegzog. „Jetzt komm! Wir müssen uns beeilen. Ich hab verschlafen!“ Hektisch sah sie sich im Zimmer ihres Sohnes um und legte ihm die Kleidung zurecht. Als Simon sich langsam in seinem Bett aufsetzte, begab sich Toni in das Zimmer ihrer Tochter, wo sie dieselbe Prozedur wiederholte.

 

„Mama, ich will die Spiderman-Schuhe anziehen!“, grummelte Simon, als er wenig später, gefolgt von seiner Schwester, in die Küche kam. Toni hielt im Schmieren des Butterbrotes inne und sah auf. „Was?“

„Ich will die doofen Cars-Schuhe nicht. Die sind für Babys.“

„Die Cars-Schuhe sind schön. Jetzt mach kein Theater und geh dich waschen, Simon.“

Simon verschränkte die Arme und setzte sich demonstrativ auf den Küchenstuhl.

„Simon!“ Toni warf ihm einen Blick zu, während sie das erste Brot verpackte. „Thea, bist du schon gewaschen? Du siehst nicht so aus“, wandte sie sich an ihre sechsjährige Tochter, während sie eine weitere Scheibe Graubrot auf das Brettchen knallte.

Thea verschwand wieder aus der Küche. „Simon“, sprach Toni dann zu ihrem mittlerweile weinenden Sohn, „Die Spiderman-Schuhe sind Winterstiefel. Dazu ist es jetzt im Mai zu warm. Außerdem passen die gar nicht mehr.“

„Und warum steht dann einer mitten in der Diele?“

Mist, die Spinne! „Das weiß ich auch nicht“, log Toni und verpackte das letzte Pausenbrot. „So, jetzt komm, mach dich fertig. Ich geh mich schnell anziehen. Wenn ich runterkomme, seid ihr fertig!“

 

Habt ihr Mamas Autoschlüssel gesehen?“ Antonia griff zum dritten Male in ihre Jackentasche.

„Mama, guck, die Spiderman-Schuhe passen wohl noch.“

„Was?“ Toni warf einen Blick über die Schulter, während sie unter dem Dielenschränkchen suchte.

„Mama, ich hab ihn“, rief Thea und hielt ihrer Mutter den Schlüssel unter die Nase.

„Gott sei Dank“ Toni grabschte den Schlüssel, riss die zwei Jacken der Kinder vom Kleiderhaken und öffnete die Haustür. „Kommt, Kinder, kommt“, rief sie.

Ihr Blick fiel auf die Schuhe ihres Sohnes, als dieser in den alten Ford Fiesta kletterte. „Du hast ja doch die Stiefel an!“

„Darf ich doch!“

„Durftest du nicht!“, stellte Toni klar und warf ihrem Sohn einen bösen Blick zu, während sie mit seinem Sicherheitsgurt kämpfte.

„Da hast nichts mehr gesagt!“

„Auf jeden Fall musst du sie jetzt anlassen. Wir haben keine Zeit mehr.“ Toni hastete zum Fahrersitz, warf einen Blick in den Rückspiegel, um sich zu vergewissern, dass auch Thea auf ihrem Platz saß und drehte den Zündschlüssel. Das Auto gab einen krächzenden Laut von sich, bevor es still wurde. Ungläubig starrte Toni einen Moment um sich. Das konnte einfach nicht wahr sein. Noch einmal drehte sie den Schlüssel. „Spring an, spring an, spring an“, flehte sie, während das Auto weiter vor sich hin röchelte. „Ja!“, schrie sie, als es endlich ansprang. Mit neuem Mut setzte sie das Auto in Bewegung.

Nachdem sie die Kinder zur Schule und zum Kindergarten gebracht hatte, kam sie mit nur zwanzig Minuten Verspätung auf ihrer Arbeitsstelle an. „Morgen“, rief sie, während sie zügig an der Empfangsdame vorüberschritt. Bei ihrem Vorgesetzten, der sie mit hochgezogenen Brauen und einem demonstrativen Blick auf die Uhr begrüßte, holte sie sich einen Rüffel ab und ging dann, am Ende ihrer Kräfte, in ihr Büro. Für den heutigen Tag bedient, ließ sie sich in ihren Bürostuhl fallen und fuhr ihren Rechner hoch.

„Mahlzeit, Antonia“, begrüßte sie Ralf, ihr Arbeitskollege, mit dem sie sich das Büro teilte. „Gestern wieder zu lange gefeiert?“

Antonia verzog den Mund zu einem gequälten Lächeln. „Sehr witzig.“

„Na, na, da ist aber heute einer mit dem falschen Fuß zuerst aufgestanden.“

Toni atmete schwer aus. Ralf war ein lieber, netter Kerl und seine ständigen Kommentare waren auch ganz witzig, allerdings war Tonis Laune heute nicht die allerbeste. „Was hältst du davon, wenn du dich jetzt über die Papiere beugst, die sich da auf deinem Schreibtisch stapeln und mich in Ruhe meine Arbeit machen lässt?“

„Gute Idee. In der Tat gehört die Hälfte von den Papieren dir. Ich hatte sie mir rüber genommen, weil ich dachte, du wärst heute vielleicht krank“, gab Ralf ihr beleidigt zu verstehen. Dann stand er auf und ließ einen dicken Packen auf ihren Arbeitsplatz fallen.

 

Um sieben nach zwei hastete Toni mit Thea im Schlepptau durch den Kindergarten, um Simon abzuholen. Toni arbeitete halbtags im Büro. Die Betreuung der Kinder endete an Schule und Kindergarten jeweils um punkt zwei. Um diese Uhrzeit endete auch ihre Arbeitszeit. Da Toni viele Begabungen hatte, sich an mehreren Orten gleichzeitig aufzuhalten aber nicht dazu gehörte, musste Thea immer von der Schule zu Fuß zum Kindergarten laufen, um dort vor dem Eingang auf ihre Mutter zu warten.

Im Flur begegnete ihnen Herr Bausch. Er winkte Toni und kam lächelnd auf sie zu. An seiner Hand hing Merle, seine Tochter. Sie war sein kleiner Sonnenschein, wie er nicht müde wurde, jedem zu erzählen. Herr Bausch war alleinerziehend und ging völlig in seiner Aufgabe auf.

„Hallo, Antonia!“, rief er erfreut, als er vor ihr stehenblieb.

Toni riss den Blick von dem bunten Fahrradhelm, der auf seinem Kopf thronte. Damit sah er aus wie ein Ei. Ein bärtiges Ei. „Hallo…“ Wie hieß er nochmal? Wie peinlich! In solchen Fällen musste immer eins ihrer Kinder zur Ablenkung herhalten. „Thea, bleib bitte hier“, ermahnte sie ihre Tochter, die sich keinen Schritt wegbewegt hatte. Für die Unterbrechung mit einem Lächeln um Entschuldigung bittend, wandte sie sich wieder ihrem Gegenüber zu.

 „Die Merle wollte den Simon gerne zu ihrer Geburtstagfeier einladen“, erzählte Herr Bausch.

„Ach, das ist ja schön.“ Toni blickte lächelnd auf Merle hinab. „Wann hast du denn Geburtstag?“

„Morgen“, piepste Merle.

„Wir feiern aber am Mittwoch“, teilte Herr Bausch mit. „Im Indoorspielplatz im Industriegebiet. Weißt du, wo das ist?“

Toni konnte sich gerade noch davon abhalten, das Gesicht zu verziehen. Und ob sie den kannte. Da war sie einmal in ihrem Leben gewesen und dort würde man sie nie wieder sehen. Diese Indoorspielplätze musste jemand erfunden haben, der einen tiefen Hass auf alle Eltern hegte. In den drei Stunden, die Toni sich damals dort mit ihren Sprösslingen aufgehalten hatte, war sie um Jahre gealtert. Der Geräuschpegel war mit nichts zu vergleichen gewesen, was Toni jemals zuvor erlebt hatte. Würde man sich neben die Turbine eines startenden Flugzeuges stellen, kam man der Lautstärke vielleicht nahe. Die Kinder in diesem Indoorspielplatz hatten sich außerdem vermutlich alle in den letzten dreißig Tagen vor ihrem Besuch in besagter Halle nicht mehr bewegt, denn alle rannten und schrien aus Leibeskräften. Sie sprangen ohne Rücksicht auf Verluste von irgendwelchen Türmen, Hüpfburgen oder Klettervorrichtungen und alle zwei Minuten weinte irgendwo in der Masse ein Kind, welches sich verletzt hatte. Toni hatte die ganze Zeit versucht, ihre Kinder in dieser Menge im Auge zu behalten, was sich als unmögliches Unterfangen herausgestellt hatte. Sie war schließlich am Ende ihrer Kräfte nach Hause gefahren. Hinten im Auto befanden sich eine heulende Thea, die sich unglücklicherweise in der Flugbahn eines Jungen befunden hatte, der einen waghalsigen Sprung von einem Kletterleuchtturm gewagt hatte, und einem kotzenden Simon, der nach einer unglaublich teuren Portion Pommes trotz Verbotes mütterlicherseits sofort in der Menge untergetaucht war und sich dann auf einem der riesigen Trampoline körperlich verausgabt hatte. Nein, eher würde sie sich angespitzte Streichhölzer unter ihre Fingernägel rammen, als noch einmal so einen Indoorspielplatz zu betreten.

„Antonia?“

„Ja?“ Aus ihren Gedanken aufgeschreckt, sah sie auf.

„Ich hatte gefragt, ob du weißt, wo das Abenteuerland ist.“

„Ach so, ja. Weiß ich.“ Toni räusperte sich. „Warst du denn auch schon mal da?“

„Ja, was denkst du denn? Merle ist ganz verrückt auf das Abenteuerland. Da waren wir schon zigmal.“

„Nein!“ Mit neuem Respekt sah Toni den Mann vor ihr an. Der musste Nerven aus Stahl haben. „Wie viel Kinder kommen denn?“

„Sechs.“

„Sechs kleine Kinder! Das wird aber bestimmt stressig.“

„Ach, das geht schon. Meine Mutter passt auch mit auf. Das wird schon.“ Lächelnd zwinkerte er ihr zu.

„Ja, dann…“ Gleich würde sie zu Hause erst mal in der Telefonliste nachgucken, wie der Bausch mit Vornamen hieß. „Ich muss jetzt mal endlich den Simon holen.“

„Ja, wir müssen auch los. Wiedersehn.“

„Ja, Tschüss.“

 

Toni fuhr die lange Einfahrt entlang und brachte das Auto neben dem Haus zum Stehen.

„Ich finde das voll gemein, dass ich nicht auch mitkann!“

„Ja, nun, die bist aber nicht eingeladen, Thea“, erwiderte Toni zum wiederholten Male, seit sie den Kindergarten verlassen hatten.

„Dann kannst du doch mit mir gehen.“

„Nein, kann ich nicht!“

„Alle Mütter gehen immer mit ihren Kindern ins Abenteuerland. Nur du nicht“, meckerte Thea, während sie sich losschnallte.

„Ich war mit euch auch schon da.“ Toni zog die Handbremse stärker an als nötig.

„Pah. Einmal!“

„Psst“, rief Toni. War da nicht gerade ein merkwürdiges Geräusch gewesen.

„Du bist gemein!“

„Sei mal leise!“ Toni löste die Handbremse und zog sie wieder an. „Mm, jetzt hör ich nichts.“ Mit einem Achselzucken öffnete sie die Fahrzeugtür und stieg aus.

Sie schloss gerade die Türe zu ihrem kleinen Häuschen auf,  als sie ein röhrendes Motorengeräusch vernahm. Toni sah die lange Einfahrt ihres zurückgelegenen Hauses entlang zur Straße. Sie hatte das kleine Häuschen von ihrer Oma geerbt, und es war ihr ganzer Stolz. Es war das letzte Haus an einer langen Straße. Die Bebauung an dieser Straße wandelte sich von eng nebeneinanderstehenden Einfamilienhäusern zu Häusern mit großzügigen Gärten, bis die Häuser immer spärlicher auf der Straße angesiedelt waren, ehe sich die Straße schließlich in einen Feldweg verwandelte und sich rechts und links des Weges nur noch Äcker befanden. Außer eben, ungefähr hundert Meter im Feld gelegen, ihrem Häuschen und dem Nachbarhaus, dessen Einfahrt sich direkt neben ihrer befand. Darum konnte das laute Dröhnen eigentlich nur einem gehören. Ihrem neuen Nachbarn. Seufzend betrachtete Toni das ehemals gemütliche Nachbarhaus. Bis vor kurzem hatte hier noch Frau Kurz gewohnt. Eine liebe, alte Frau, die mit ihrem Wellensittich friedlich ihre Tage verbracht hatte. Das Vorgärtchen und die Einfahrt waren von Blümchen gesäumt gewesen und die Garage hatte Frau Kurz` Gartengeräte und im Winter ihre Sommerstühle beherbergt. Am Wochenende war sie immer von ihrem gutaussehenden und zudem auch, wenn Toni nach dem dicken Auto urteilte, das er fuhr, gut verdienenden Sohn besucht worden. Doch dies gehörte nun alles der Vergangenheit an, seit Frau Kurz im Winter das Zeitliche gesegnet hatte. Ihr Sohn beschloss daraufhin, das Häuschen zu vermieten. An und für sich keine schlechte Idee, allerdings hätte er bei der Auswahl seines neuen Mieters etwas mehr Sorgfalt walten lassen können.  Besagter Mieter hatte sich vor anderthalb Wochen nebenan eingenistet. Am Einzugstag brachte er jede Menge Kisten und sehr wenige Möbel mit. Als alles im Haus verstaut war, gesellte sich zu seinem Auto, welches in der Einfahrt stand, ein Motorrad. Diverse Reifen, Kisten und Regale folgten und im Vorgarten wurden weitere unidentifizierbare Gegenstände abgeladen. Sogar noch weitere Motorräder, die eigentlich auf den Schrottplatz gehört hätten, hatten sich dazugesellt. Als am Abend plötzlich immer mehr Personen bei ihrem neuen Nachbarn eintrafen, hatte Toni angenommen, sie wären erschienen, um zu helfen, die restlichen Dinge zu verstauen. Doch wie sich herausstellte, hatte sie sich getäuscht, denn seine Gäste waren gekommen, da der neue Mieter eine Einweihungsparty schmiss. Die Feier hatte man bestimmt bis ins Dorf  hören können. Der neue Nachbar konnte sich glücklich schätzen, dass Antonia so eine gutmütige Person war, denn jeder andere hätte die Polizei gerufen. Seine unzähligen Gäste, die sich alle beinahe bis zur Besinnungslosigkeit betranken und sich anschließend in den einstigen Blumenbeeten erleichterten, feierten bis in die frühen Morgenstunden. Am Tag nach besagter Feier wartete Toni darauf, dass ihr neuer Nachbar nun endlich seinen Unrat aus Vorgarten und Einfahrt entfernte. Allerdings musste sie bald erkennen, dass sie einem Irrtum erlegen war, denn es handelte sich bei dem ganzen Krempel, der vor dem Haus gelagert wurde, keineswegs um Unrat, sondern um sein Hab und Gut. Hab und Gut, welches er ganz offensichtlich an Ort und Stelle liegenlassen wollte. Im Laufe der Woche schaffte er es schließlich, einige Regale und Kisten in der Garage zu verstauen, doch seine gammeligen Fahrzeuge, die Reifen und die anderen Dinge, von denen Toni sich nicht vorstellen konnte, welchen Zweck sie wohl erfüllen mochten, blieben in Vorgarten und Einfahrt liegen. Warum dies so war, konnte Toni sich nicht erklären, denn Zeit genug schien ihr Nachbar zu haben. Sein Auto und das Motorrad standen nämlich ständig in der Einfahrt. Da er keiner geregelten Beschäftigung nachzugehen schien, konnte er morgens auch lange schlafen. Das war sein Glück, denn wenn man nach den Bierkästen ging, die er auf der Veranda stapelte, trank er sich jeden Abend besinnungslos. Toni war nicht begeistert gewesen, nun neben einem arbeitslosen Alkoholiker zu wohnen, hatte sich aber wohl oder übel damit abgefunden. Dann, Samstagnachmittag, Toni saß mit dem Kindern im Garten und genoss die Frühlingssonne, kamen die Hells Angels. Zumindest hatte sie das im ersten Moment gedacht. Durch einen ohrenbetäubenden Lärm alarmiert, rannte sie nach vorne zur Einfahrt, als auch schon mehrere Motorräder ihre Einfahrt blockierten. Wenig später fuhr die Gruppe gemeinsam mit Tonis Nachbarn davon und hinterließen eine Staubwolke. Das war vorgestern gewesen und seitdem hatte sie ihn nicht mehr gesehen. Wahrscheinlich hatte er die vergangenen Tage  in irgendeiner Ausnüchterungszelle verbracht.

Vom nun immer lauter werdenden Motorengeräusch aus ihren Gedanken gerissen, warf Toni einen Blick auf das Motorrad, das zwischen den gestapelten Reifen und dem Garagentor stand. Also machte er heute die Gegend mit seiner peinlichen Amikarre unsicher. Wenig später sah sie ihre Vermutung bestätigt, als sie kopfschüttelnd beobachtete, wie besagtes Auto forsch in die Einfahrt nebenan einbog und dann quietschend zum Stehen kam. Wütend trat Antonia wieder aus ihrem Eingang heraus. Die zwielichtige Gestalt, von der Toni mittlerweile ganz sicher war, dass sie nichts taugte, stieg aus dem Fahrzeug und nickte grüßend zu ihr hinüber.

„Ich würd hier noch schneller fahren!“, rief Toni schlecht gelaunt als Begrüßung.  „ Falls meine Kinder das nächste Mal wider Erwarten rechtzeitig in Deckung springen können, erwischen sie vielleicht ein kleines Reh oder einen Hasen mit ihrem Penisersatz!“

Der Nachbar stutzte, trat dann einen Schritt auf sie zu, nur um doch wieder stehen zu bleiben. Dann kratzte er sich am Kopf. „Ich war wohl etwas zu schnell, was?“

„Ja, das nehm ich ja wohl mal an!“ Mit Entsetzen machte Toni nun die Entdeckung, dass sich Tätowierungen auf den Unterarmen ihres Nachbarn befanden.

„Tut mir leid.“ Der nun zu einem Asozialen runtergestufte trat auf Toni zu und reichte ihr die Hand. „Ich hab mich auch noch gar nicht vorgestellt, obwohl ich schon eine Woche hier wohne.“

Toni ergriff die dargebotene Hand, aber nicht, bevor sie ungläubig auf deren Finger gestarrt hatte. Sie hatte noch nie jemanden getroffen, der tätowierte Finger hatte. Finger! Das kannte sie nur aus amerikanischen Filmen, in denen verfeindete Gangs mit Maschinenpistolen aus Autos in die Vorgärten schossen. Aus runtergekommenen, unförmigen, riesigen Amischlitten. So, wie ihn übrigens auch ihr neuer Nachbar fuhr, wie sie nicht umhin kam, zu bemerken.

 „Mark Fracht“, sagte er nun.

„Äh..“ Am liebsten hätte sie ihm ihren Namen verschwiegen. Man wusste nie, was solche Leute aus der Unterwelt damit für Schindluder trieben. „Antonia Hauser“, brachte sie dann gezwungenermaßen heraus.

„Hauser. Nicht zufällig verwandt mit Jens Hauser?“

„Mein Ex-Mann“, antwortete Toni knapp. Dass Jens, das Arschloch, neuerdings mit Kriminellen verkehrte, sollte sie eigentlich nicht wundern.

„Ah“, erwiderte Fracht verstehend. „Tja, dann noch einen schönen Tag. Und ich werd demnächst vorsichtiger fahren.“

Toni lächelte gezwungen und beobachtete, wie Mark Fracht zurück zu seinem Auto ging, einen Kasten Bier aus seinem Auto hievte und dann im Nachbarhaus verschwand. Den genehmigte er sich bestimmt als Mittagessen.

„Mama! Ich hab Hunger“, drang Theas laute Stimme aus dem Inneren des Hauses.

„Ich komm!“, schrie Toni zurück und ging rein, Mittagessen kochen.

 

Am Abend seufzte Toni wohlig und kuschelte sich tiefer in ihre Couch. Gleich kam ihre Lieblingskrimiserie. Es ging nichts über einen schönen, gemächlichen, englischen Krimi. Darauf freute sie sich jeden Montag. Toni gähnte herzhaft und sah auf die Uhr. 22 Uhr. Hoffentlich schlief sie nicht wieder auf der Couch ein. Oder sollte sie lieber auf den Film verzichten? Ehe sie morgen wieder verschlief. Und hoffentlich sprang das Auto morgen an. Nachdem sie Simon heute Nachmittag zum Fußballtraining und zurück kutschiert hatte, meinte sie, beim Aussteigen einen merkwürdigen Geruch vernommen zu haben. Aber vielleicht stank ja auch die Schleuder des Nachbarn so. Der hatte übrigens den ganzen Nachmittag zu Hause verbracht. Ob der wirklich keiner geregelten Arbeit nachging? Wovon bezahlte er dann die Miete? Das wollte sie gar nicht wissen. Toni schüttelte den Kopf und zwang sich, sich auf den Krimi zu konzentrieren, dessen Anfangsmelodie gerade ertönte.
Gebannt verfolgte Antonia das Geschehen auf dem Bildschirm, als sie meinte, etwas gehört zu haben. Ob eines der Kinder wach geworden war? Toni warf einen Blick auf die Uhr. Zwanzig nach zehn. Vor einer halben Stunde, als sie gucken gegangen war, schliefen beide noch friedlich. Sie griff zur Fernbedienung und schaltete den Ton aus. Da! Ein Poltern ertönte von oben. Dann noch eins. Tonis Herz klopfte plötzlich schneller. Das konnten unmöglich die Kinder sein! Das Rumpeln und Poltern oben ging weiter. Kein Zweifel. Oben war jemand. Und nicht nur einer, dem Getöse nach zu urteilen. Toni schluckte und legte sich eine Hand auf ihren flauen Magen. Oh, lieber Gott. Die Kinder. Toni sprang auf  und rannte in die Küche. Dort

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